Hidden Champions und Business Heads » "Fairer, starker Wettbewerb ist nicht zwangsläufig nachteilig"

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„Fairer, starker Wettbewerb ist nicht zwangsläufig nachteilig“
Ob im Kölner Dom, in Kuala Lumpurs Twin Towers oder Pekings Nationaltheater – Philipp C. A. Klais baut Orgeln rund um den Globus. Mit 65 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund sechs Millionen Euro gehört das deutsche Traditionsunternehmen zu den Weltmarktführern. Im Interview mit dem Diplomatischen Magazin sprach Klais über das Zusammenwirken von Kunst und Unternehmertum, neue Absatzmärkte und zukünftige Projekte.
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err Klais, seit 125 Jahren gibt es die Orgelbau-Dynastie Klais in Bonn, die Sie in vierter Generation führen. Wie sind Sie zum Orgelbau gekommen?

 

Ebenso wie mein Vater und mein Großvater bin auch ich in der Bonner Werkstatt aufgewachsen. Wohnhaus und Werkstatt gehen ineinander über. Es ist schwer, sich der Faszination Orgelbau zu entziehen, wenn man in der Werkstatt aufwächst. Von fünfzehn bis achtzehn wollte ich alles werden – nur nicht Orgelbauer. Nach dem Abitur habe ich dann die Gelegenheit genutzt, beim Aufbau einer großen Orgel mitzuhelfen, die wir im Queensland Cultural Centre in Brisbane, Australien, gebaut haben. Hier bin ich dann endgültig dem Orgelbau verfallen.

Als Orgelbauer sind Sie Künstler und Schreiner, als Geschäftsführer der Johannes Klais Orgelbau GmbH Manager. Wie sind Sie in den kaufmännischen Bereich hineingewachsen?

Natürlich sehen wir uns in erster Linie immer als Künstler und Handwerker, aber gleichzeitig arbeiten wir hier in Bonn in einem Team von 65 Mitarbeitern. Es ist wichtig zu akzeptieren, dass man eine große Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern trägt. Nur auf dieser Basis ist es möglich, weltweit bei so spannenden Projekten wie im Nationaltheater Peking, dem Kölner Dom, der Town Hall im neuseeländischen Auckland, den Twin Towers von Kuala Lumpur, der Overture Hall in Madison, USA, und zurzeit Buenos Aires, Centro Cultural Bicentenario zu arbeiten. Das spannende im Orgelbau ist, dass sich künstlerisches und unternehmerisches Denken nicht widersprechen, dass es nicht nur um die Entwicklung tragfähiger, überzeugender Ideen geht, sondern auch um Umsetzung, die musikalische, technische Durchdringung und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Orgelbau ist hier ein ganz spannendes Betätigungsfeld, das all diese Herausforderungen miteinander vereint.

Sie haben 65 Mitarbeiter in Bonn und bezeichnen sie als Ihre „Werkstattfamilie“, agieren aber gleichzeitig als globales Unternehmen. Ist diese „Familienbetriebsmentalität“ und das „Ethos der Manufaktur“, das Sie beibehalten haben, Ihr Erfolgsgeheimnis? Sie nennen Ihr Unternehmen einen „Bonsai-Global-Player“. Was ist das?

Pro Jahr bauen wir drei bis vier neue Orgeln. Daneben warten und pflegen wir Instrumente, die wir in den vergangenen 125 Jahren gebaut und restauriert haben. Wir versuchen, vom Rohstoff ausgehend – in erster Linie verwenden wir im Orgelbau Holz in Stämmen, Zinnlegierungen in Barren und Leder in Fellen – die gesamte Fertigungstiefe vom Rohstoff bis zur fertigen Orgel darzustellen.

Wir sind sehr dankbar, ein „Bonsai-Global- Player“ zu sein, das heißt, an spannenden Projekten auf der ganzen Welt mitarbeiten zu dürfen, weil das für uns einen unerschöpflichen und kontinuierlichen Lernprozess darstellt: Die Begegnung mit den verschiedensten Orgelbau-, Kompositions- und Orgelinterpretationstraditionen und – viel weiter gehend – die Begegnung mit den verschiedensten Musikrichtungen führt zu immer neuen Anregungen, die wir in unsere Arbeit einfließen lassen.

Wie ist der Weg vom Auftrag zur fertigen Orgel? Welche Kosten sind damit verbunden?

In der Regel gibt es einen Wettbewerb, zu dem der Auftraggeber drei bis vier Werkstätten einlädt. Mit sehr viel Engagement, mit sehr vielen Ideen und mit einem Quentchen Glück kann es gelingen, den Auftrag für das Projekt zu erhalten. In der Regel vergeht bei einem Orgelneubauprojekt zwischen Auftragserteilung und Fertigstellung ein Zeitraum zwischen zwei und drei, bis hin zu vier Jahren. In diesem Zeitraum wird das Instrument zunächst in allen Details konstruktiv und zeichnerisch entwickelt, dann in der Orgelbauwerkstatt gefertigt und technisch aufgebaut, ohne die klanglichen Abstimmungen auf den Raum vorzunehmen. Dann wird sie wieder zerlegt, bei weit entfernt liegenden Zielen in einen Container gepackt und in der Regel mit Seefracht an den Bestimmungsort transportiert. Hier beginnt die technische Montage vor Ort, die bei großen Instrumenten schon einmal mehrere Monate dauern kann. Daran schließt sich die klangliche Abstimmung jeder einzelnen Pfeife auf den Kirchenraum beziehungsweise den Konzertsaal an: die Intonation. Auch dieser Vorgang kann einen sehr langen Zeitraum erfordern. Es ist die perfekte Abstimmung aller einzelnen Schritte, die letztendlich zu einem überzeugenden Instrument mit starker eigener Persönlichkeit führt. Es ist schwer, die Kosten einer neuen Orgel zu definieren, die Projektgrößen für Orgelneubauprojekte, die wir in unserer Werkstatt fertigen, liegen zwischen 50.000 und 3 Millionen Euro.

Sie haben den Vision, die besten Orgeln der Welt zu bauen. Was macht Ihre Instrumente dazu?

Unser Ziel bei Orgelbau Klais ist es, individuelle Lösungen zu schaffen, nicht ein standardisiertes Instrument, welches wir in die ganze Welt hinaus exportieren, sondern ein Instrument, welches die kulturellen Besonderheiten, die sprachlichen Eigenheiten, die musikalischen Traditionen der Region, in der es erklingt, in sich aufnimmt und widerklingen lässt und so versucht, Menschen zu berühren.

Die Konkurrenz in Deutschland ist nicht klein. Nach Auskunft des Bundes der Deutschen Orgelbauer gibt es in Deutschland insgesamt 170 Firmen mit 2.500 Mitarbeitern. Gleichzeitig sinkt die Nachfrage, weil weniger Menschen in die Kirche gehen. Wie setzen Sie sich gegen die Konkurrenz durch? Was halten Sie vom Preiskampf?

Wir erleben in Deutschland die Entwicklung von einer Gesellschaftskirche zu einer Bekenntniskirche. Wir erleben aber gleichzeitig auch eine Entwicklung, in der die Bedeutung von Kirchenmusik an vielen Stellen zunimmt: bei den vielen fantastischen Kirchenchören, Kinderchören, Posaunenchören.

Aus der Restaurierung haben wir gelernt, wie spannend es ist, Orgeln nicht für Jahre und Jahrzehnte, sondern für Jahrhunderte zu bauen. Viele überzeugende Instrumente der vergangenen Jahrhunderte sind bis heute erhalten. Ein fairer, starker Wettbewerb ist hierbei nicht zwangsläufig nachteilig: Bei der Entscheidung über einen Orgelneubau mag oftmals zunächst der Preis im Vordergrund stehen. Interessanterweise spielt dieses Kriterium zehn, zwanzig oder dreißig Jahre nach Fertigstellung eines Instrumentes keine Rolle mehr: Dann stellt sich die Frage, ob es ein überzeugendes Instrument ist, welches trotz seiner Zeitgebundenheit die nächste Generation weiterhin begeistert oder ob über einen Ersatz des Instrumentes nachgedacht wird.

Welches Projekt liegt Ihnen besonders am Herzen? Welche Projekte sind geplant?

Es ist immer das Projekt, an dem man zurzeit arbeitet, das einem am meisten am Herzen liegt. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir weiterhin an spannenden Projekten mitarbeiten dürfen. In den nächsten Jahren werden in unserer Werkstatt die Instrumente für die Elbphilharmonie in Hamburg, die St. Stephan-Kirche in Mainz – jene Kirche mit den fantastischen Chagall-Fenstern – die Kathedrale in León in Spanien, eine der schönsten gotischen Kathedralen mit mittelalterlichen Fenstern, für den Dom in Kristiansand, Norwegen, ebenso wie für einen kleinen Konzertsaal in Zichron Ya’akov in Israel und das Centro Cultural Bicentenario in Buenos Aires gebaut werden. Darüber hinaus dürfen wir ein weiteres Instrument für das faszinierende System der Kinder- und Jugendorchester in Caracas in Venezuela bauen.

interview Richard Sylla