Artikel IV » Die Zentralbanken greifen ein

Der Autor
Rolf Morrien
Der Analyst Rolf Morrien ist seit 2002 Chefredakteur des Börsendienstes „Der Depot-Optimierer“ und Autor der Bücher „Das Anti-Crash- Buch“ und „Börse leicht verständlich“.

Chefredakteur bei
Der Depot Optimierer

Ihr aktueller Geldanlage- Dienst für bessere Performance in jeder Börsenphase.
depot-optimierer.de

Die Zentralbanken greifen ein
Chance und Risiko für den Euro
D

er 30. November 2011 könnte ein Meilenstein in der Geschichte des Euroraums gewesen sein. Fast zeitgleich haben die chinesische Notenbank, die US-Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank (EZB) angekündigt, die Märkte mit Liquidität zu fluten.
Die Erleichterung in den EU-Staaten war groß, aber der Kampf ist noch lange nicht entschieden. Wenn diese Aktionen ohne Wirkung bleiben, sinken die Überlebenschancen des Euro drastisch. Es bleiben dann nur noch wenige Handlungsoptionen.

1
Eurobonds: Alle haften gemeinsam

Am heißesten diskutiert werden Eurobonds. Alle Eurostaaten nehmen gemeinsam am Kapitalmarkt Geld auf. Die Hoffnung ist, dass die Investoren für diese Gemeinschaftsanleihen relativ niedrige Zinsen verlangen, da auch finanziell stabile Staaten mit im Boot sitzen.
Der Nachteil: Da einzelne Länder nicht mehr um Kapital kämpfen müssten, würde schlagartig der Reformdruck sinken. Nach der Einführung des Euro und der Zinsangleichung verschuldeten sich einige EU-Staaten stark, weil die Kredite zu billig waren.

 

2
Die EZB spielt Retter in großer Not

Einige Politiker und Wirtschaftsforscher setzen auf die EZB. Die Notenbank soll ohne Obergrenze Staatsanleihen kaufen. So wird ein Anstieg der Zins-Renditen verhindert. Die Hoffnung: Greift die EZB ein, werden auch die Spekulanten vertrieben, die auf Staatspleiten wetten. Dann könnte sich der Markt für Staatsanleihen schnell erholen.
Das Risiko liegt auf der Hand: Wenn die Notenbank ohne Limit die Staaten finanziert, ist das der Türöffner für die Inflation. Das ist der Grund, warum die Staatsfinanzierung durch die Notenbank im EU-Vertrag ursprünglich strikt verboten wurde.

 

3
Der deutsche Vorschlag: sparen, sparen, sparen

Bundesregierung und Bundesbank lehnen Eurobonds und unbegrenzte Anleihenkäufe der EZB strikt ab. Der deutsche Vorschlag: Die Krisenstaaten sollen sparen, sparen und nochmals sparen. Wenn der Haushalt ausgeglichen ist, kehrt das Vertrauen der Marktteilnehmer automatisch zurück. Theoretisch wäre das die beste Lösung.
Das große Aber: Viele Krisenstaaten haben nicht die Zeit, ein ausgewogenes Sparprogramm zu verabschieden und wirken zu lassen. Die Lösungen müssen in den nächsten Wochen greifen. Ein zu radikaler Sparplan kann sogar schädlich sein, wenn dadurch die Wirtschaft abgewürgt wird. Hinzu kommt: Da Deutschland ebenfalls regelmäßig gegen EU-Regeln verstößt, ist die Glaubwürdigkeit der deutschen Politiker nicht mehr ganz so groß.

 

4
China muss die Kasse öffnen

Ein weiteres Szenario wird auf EU-Ebene nur ungern öffentlich diskutiert. Der „alte“ Westen muss sich von den aufstrebenden Wirtschaftsnationen helfen lassen. Genannt werden die vier BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China. Genug Geld wäre vorhanden. China besitzt die größten Devisenreserven der Welt.
Es wäre jedoch naiv zu glauben, dass die aufstrebenden Wirtschaftsnationen etwas zu verschenken hätten. Angeblich soll China mit den USA über einen großen Rohstoffdeal verhandeln. Die USA liefern Gas und Öl nach China. Im Gegenzug wird mit chinesischen Geldern in den USA ein riesiges Infrastruktur-Programm finanziert. Dieser Modernisierungsschub würde die US-Wirtschaft ankurbeln und weltweit einen Wachstumsschub auslösen.

 

5
Elite-Bonds: Spaltung oder Vertiefung

Ein weiteres Gerücht lautet, dass die sechs relativ starken EU-Staaten Frankreich, Finnland, Niederlande, Luxemburg, Österreich und Deutschland gemeinsam Staatsanleihen am Markt platzieren wollen.
Nach Einführung dieser „Elite-Bonds“ wären zwei unterschiedliche Wege denkbar: Zum einen könnten die Elite-Bonds die Spaltung in einen EU-Raum Nord und Süd vorbereiten. Zum anderen ist es auch denkbar, dass die Elite-Bonds nur die Vorstufe der Eurobonds sind. Das wäre eine Vertiefung der jetzigen EU-Gemeinschaft. Ein Instrument, aber zwei völlig unterschiedliche Entwicklungen. Jede Regierung könnte bei der Einführung andere Hintergedanken haben.

texte Rolf Morrien